Das Archiv als Norm?

a translation memory is an archive

Über Translation Memorys und Terminologiemanagement

Durch Translation-Memory-Systeme sind Übersetzungen kostengünstiger und konsistenter geworden. Was aber können solche Systeme für eine einheitliche Terminologie leisten? Dieser Blog-Beitrag gibt eine Antwort aus Sicht eines erfahrenen Übersetzers und Projektleiters.

Die Übersetzungsagentur Ihres Vertrauens überrascht Sie immer wieder. Da arbeiten Sie nun schon seit Jahren zusammen, das Translation Memory ist gut gefüllt, und trotzdem taucht in der letzten beauftragten Übersetzung aus dem Englischen für „countersunk screw“ das deutsche Wort „Senkschraube“ auf. Dabei wurde doch bisher immer die Benennung „Senkkopfschraube“ verwendet. Das lässt sich im mitgelieferten Translation Memory auch leicht überprüfen. Wie konnte das passieren? Und wichtiger: Wie lassen sich solche Irrtümer systematisch verhindern?

Hierzu empfiehlt sich ein kurzer Blick auf die Arbeitsweise von Translation-Memory-Systemen. Das Translation Memory ist als Übersetzungsdatenbank in erster Linie ein Rationalisierungsmittel für die Übersetzung. Die bereits in der Vergangenheit für Sie angefertigten Übersetzungen sind dort in Form von Satzpaaren archiviert.

Vom Übersetzer vereint: das Satzpaar

Die Bezeichnung „Satzpaar“ ist erklärungsbedürftig. Bei der Übersetzung mit einem Translation-Memory-System wird jeder Ausgangstext anhand von bestimmten Segmentierungsregeln in Segmente bzw. Übersetzungseinheiten – Translation Units – aufgegliedert. Eine solche Übersetzungseinheit setzt sich aus dem Segment in der Ausgangssprache und dem – gerade erstellten – Segment in der Zielsprache zusammen. Diese beiden Teile werden als Paar gemeinsam im Translation Memory hinterlegt. 

Als Basis für die Segmentierung in Übersetzungseinheiten werden meist Satz- und Absatztrennzeichen verwendet, also Punkt, Ausrufezeichen, Fragezeichen, Doppelpunkt und Absatzmarke. Somit werden z. B. auch durch Absatzmarken getrennte Einzelwörter oder Listeneinträge als einzelne Segmente im Translation Memory gespeichert. Streng genommen müsste man also eigentlich von Segmentpaaren sprechen. Aber das prototypische Segment ist nach wie vor der Satz.

 

Das Translation Memory – eine Datenbank als „Erinnerungshilfe“

Bei jedem neu zu übersetzenden Satz (oder genauer: Segment) der Ausgangssprache wird nun automatisch im Translation Memory wie in einem Archiv nachgesehen, ob dort schon ein ähnlicher oder identischer Satz mit Übersetzung in die Zielsprache hinterlegt ist. Ist ein solcher Satz vorhanden, erscheint die Übersetzung sofort als Vorschlag. Eventuelle Unterschiede zwischen dem aktuellen ausgangssprachlichen Satz und dem im Translation Memory gefundenen ausgangssprachlichen Satz werden hervorgehoben.

Dadurch spart der Übersetzer Zeit und Sie, der Auftraggeber, sparen Geld. Außerdem steigt die Konsistenz, denn gleiche Sätze werden auch gleich übersetzt, ähnliche Sätze werden ähnlich übersetzt.

Darüber hinaus kann der Übersetzer mithilfe einer Konkordanzfunktion im Translation Memory nachschlagen, ob und wie ein bestimmtes Wort oder eine Wendung von den Kollegen bereits übersetzt wurde. Allerdings muss er dazu ahnen, dass er das betreffende Wort nicht zum ersten Mal übersetzt. Und er muss die Wichtigkeit des Nachschlagens erkennen, er muss z. B. sehen, dass es sich bei dem betreffenden Wort um eine terminologisch festgelegte Benennung handeln könnte. Erst wenn ein Übersetzer aktiv per Konkordanz sucht und den gefundenen Vorschlag findet und übernimmt, ist terminologische Konsistenz gewährleistet.

Im Fall der Senkkopfschraube hat der Übersetzer also entweder nicht in der Konkordanz nachgeschlagen oder sogar bewusst eine abweichende Terminologieentscheidung getroffen, z. B. weil er „Senkschraube“ irrtümlicherweise für gebräuchlicher hält.

 

Wie lassen sich solche Terminologieabweichungen möglichst vermeiden?

Mit der schlichten Anweisung, das Translation Memory als verbindliche Terminologiequelle heranzuziehen, können die Entscheidungsmöglichkeiten des Übersetzers von vornherein eingeschränkt werden. Das Translation Memory ist dann nicht mehr nur eine Beschreibung des Ist-Zustands, sondern zugleich in Terminologiefragen normsetzend. Sofern keine separate Terminologieliste vorliegt, wird in der Regel auch genau so vorgegangen. Daher ist eine bewusste Terminologieentscheidung des Übersetzers in unserem Beispielfall auch eher unwahrscheinlich.
Sicherer wäre es jedoch, der Übersetzer hätte neben dem Translation Memory auch noch eine vom Auftraggeber abgenommene Terminologieliste zur Hand. Aus dieser Liste ginge dann eindeutig hervor, dass die englische Benennung „countersunk screw“ mit „Senkkopfschraube“ zu übersetzen ist.

Um Missverständnisse auszuschließen, sollte diese Terminologieliste zusätzlich zu den Benennungen in Ausgangs- und Zielsprache auch Begriffsdefinitionen enthalten. Definitionen helfen, begriffliche Abgrenzungen vorzunehmen. Ein Beispiel: Die englische Benennung „File“ kann auch eine Akte im Archiv bezeichnen, nicht nur eine Datei auf dem Computer. Mithilfe klarer Definitionen lässt sich dann je nach Kontext die richtige zielsprachliche Benennung ermitteln.

Eine solche Liste oder Datenbank wird dem Übersetzer zwar nicht das bewusste und aktive Nachschlagen von Terminologie ersparen. Aber sie kann im Gegensatz zum Translation Memory auch in die Zukunft gerichtet wirken. Das heißt, eine Terminologieliste oder ‑datenbank kann Begriffe und Benennungen enthalten, die noch gar nicht oder nicht signifikant häufig im Translation Memory auftauchen, die aber dennoch für noch nicht übersetzte Dokumente und Themen relevant sind.

Und weiter gedacht: Könnte der Übersetzer beim Übersetzen eines Satzes oder Segments nicht automatisch einen Hinweis erhalten, sobald ein zu übersetzendes Wort in der Terminologiedatenbank enthalten ist? Moderne Translation-Memory-Systeme machen das möglich. Die jeweilige Terminologiedatenbank wird direkt in die Bearbeitungsumgebung eingebunden und mit einer Terminologieerkennung kombiniert. So kann der Übersetzer zum Beispiel in SDL Trados Studio mit eingebundener Terminologiedatenbank sofort sehen, dass „countersunk screw“ als Eintrag enthalten ist, und die richtige Übersetzung wird als Vorschlag angezeigt.

 

Terminologiemanagement als Teil des Übersetzungsprozesses

Natürlich muss dafür eine entsprechende Terminologiedatenbank vorhanden sein. Das Zusammenstellen einer Terminologie erfordert jedoch – selbst wenn man nur die nötigsten Daten aufnimmt – einen gewissen Aufwand. Bestimmte Schritte der Terminologiearbeit (z. B. die Terminologieerfassung) lassen sich zwar gegebenenfalls auch in den Übersetzungsprozess eingliedern. Aber weder sind sie dort besonders gut aufgehoben (lesen Sie hier, wie man Terminologiearbeit systematisch angeht) noch gehört das systematische Erfassen und Protokollieren terminologischer Entscheidungen zum Kernbereich des Übersetzens. Vielmehr ist eine separate Terminologieerfassung für den Übersetzer ein klarer Zusatzaufwand, den er nicht kostenlos erbringen kann.

Egal ob der Übersetzung vorgelagert oder übersetzungsbegleitend: Eine planvolle Terminologiearbeit und die Nutzung von Terminologiedatenbanken lohnt sich. Denn Terminologiedatenbanken leisten etwas, was Translation-Memory-Systeme nicht leisten können: Sie setzen Normen, statt nur den Ist-Zustand zu beschreiben, sie können zukunftsgerichtet auch für bisher noch nicht übersetzte Texte und Themen Vorgaben machen, und sie können – durch direkte Einbindung ins Translation-Memory-System – Terminologiefehler wie „Senkschraube“ statt „Senkkopfschraube“ systematisch vermeiden helfen.

Fragen Sie am besten die Projektmanager oder Sprachexperten Ihrer Übersetzungsagentur, wo und wie Ihnen eine abgestimmte Terminologie helfen könnte. Wir beraten Sie gern.

 

Über den Autor
Frank Münnich arbeitet seit 2005 als Übersetzer und ProjektmanageFrank Muennichr bei text&form. Sein derzeitiges Spezialgebiet ist die Übersetzung von Marketingtexten. Er hat an der Humboldt-Universität zu Berlin Anglistik/Amerikanistik und germanistische Linguistik studiert (Magister Artium). Von Anfang 2007 bis Mitte 2008 war er für die Pflege und Erweiterung umfangreicher Teminologiebestände verantwortlich.

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