Was Nordamerikaner über die deutsche Arbeitskultur wissen müssen

Ich wohne und arbeite jetzt seit mehr als fünf Monaten in Berlin und kann mit Fug und Recht behaupten, die deutsche Arbeitskultur inzwischen ein wenig zu kennen. In manchen Dingen unterscheiden sich Kanada und Deutschland gar nicht so sehr voneinander: Weder hier noch da schlägt man sich beispielsweise gern mit Steuerkram herum. Ein paar – mitunter überraschende – Unterschiede sind mir aber doch aufgefallen. (Anm. der Autorin: Der Vergleich zwischen Kanadiern und Deutschen ist neu. Uns mit Amerikanern zu vergleichen, ist jedoch unser zweitbeliebtester Volkssport –  gleich nach dem Meckern über das Wetter.)

 

Der viel zitierte 9-to-5-Job ist hier Realität: In Deutschland wird wirklich von 9 bis 5 gearbeitet. Oder von 9 bis 4. Oder von 9 bis … Feierabend!

Für alle nordamerikanischen Leser: Wenn ich Ihnen erzählen würde, dass die meisten Deutschen – regelmäßig – vor 17 Uhr nach Hause gehen, hätten Sie Ihre Zweifel, oder? Ich war jedenfalls ziemlich baff, als mir das klar wurde. Viele deutsche Firmen – wie etwa text&form – bieten ihren Angestellten flexible Arbeitszeiten. Die Mitarbeiter können also relativ frei entscheiden, wann sie ihr Tagespensum absolvieren. Für eine so dezentrale Stadt wie Berlin heißt das auch, dass nicht alle zur selben Zeit zur Arbeit fahren und Monster-Rush-Hours hier (eigentlich) kein Thema sind! Wer wie ich in Toronto auf dem Highway 401, einem 12-spurigen Super-Highway mit der wohl größten Verkehrsdichte der Welt, richtige Rush-Hours erlebt hat, weiß das wirklich zu schätzen.

Was passiert dann aber um 14, 15, 16 oder 17 Uhr, wenn die Deutschen „Feierabend“ machen? Feiern Sie im wahrsten Sinne des Wortes den Abend – nicht ganz abwegig nach einem Arbeitstag? Sie relaxen, und zwar AMTLICH. Das können die Berliner im Sommer richtig gut. Die Büros sind leer und die Leute hängen in Bars, in Parks, an Kanalufern, auf Balkonen und an Seen ab und gönnen sich in der Sonne einen Drink. Vor ein paar Wochen lud mich ein Freund auf ein Radler und ein Eis auf der Admiralsbrücke ein. Das ist ein beliebter Party-Treffpunkt in Kreuzberg. Soweit völlig OK … aber es war ein Montag! Wer wie ich aus dem Hamsterrad der kanadischen Arbeitskultur kommt, hat da fast ein schlechtes Gewissen. Aber ich finde es super; die Sommermonate sind in Berlin einfach geil (auch wenn ich mich frage, wie viel Arbeit in dieser Zeit eigentlich erledigt wird). Neben einer schweren Überstunden-Allergie trägt das in Deutschland auch zu einer viel besseren Work-Life-Balance bei. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich bin auf dem Sprung nach Hause, in 15 Minuten gieße ich mir einen Cidre ein und hänge mit Freunden am Schlachtensee ab… ähm nicht ganz, vorher muss ich noch diesen Blog-Artikel fertigschreiben.

 

Deutsche sind auf Arbeit förmlicher und hierarchischer.

Einige mag das überraschen (zumindest jene, denen nicht das Klischee vom harten, wortkargen „Teutonen“ im Kopf herumspukt, wenn sie an Deutsche denken). In Kanada reden sich die Leute normalerweise mit ihrem Vornamen an. Nur Ältere und Lehrer werden gesiezt. Das heißt nicht, dass es immer die passende Anrede ist, aber wenn man (wie in Deutschland) eine förmliche E-Mail mit der Anrede Herr/Frau schickt und in der Antwort mit dem Vornamen angesprochen wird, geht man auch zu dieser Anrede über. In Deutschland ist es auf Arbeit viel üblicher, auch Kollegen und Kunden zu siezen.

Auch „Cold Calls“ bei einem potenziellen Arbeitgeber oder Kunden sind weniger üblich und akzeptiert. Wenn man in Deutschland arbeitet, hilft es, gut vernetzt zu sein; in Nordamerika kann man sich dieses Netzwerk auch durch „Cold Contacting“ aufbauen. In Deutschland käme das ein bisschen aufdringlich rüber. Natürlich gibt es immer Ausnahmen. Ich selbst bin in Deutschland zum Beispiel durch „Kaltakquise“ an einen Job gekommen. Da hatte ich aber wahrscheinlich das Glück, dass mein Ansprechpartner in den Staaten studiert hatte (und daher die nordamerikanische Arbeitskultur kannte).

 

Deutsche mögen keine aggressive Verkaufstaktik.

Wenn ich „aggressive Verkaufstaktik“ sage, denken viele wahrscheinlich an den gerissenen Gebrauchtwagenhändler. Aber das meine ich damit nicht. Beim meinem ersten Job in Kanada saß ich in einem Fahrradgeschäft an der Kasse und hatte viel Zeit, die verschiedenen Verkaufsstrategien der Verkäufer zu beobachten. Dort habe ich gelernt, was funktioniert und was nicht. Natürlich gab es Variationen, aber im Allgemeinen lief es so ab: „Was kann ich heute für dich tun?“, und weiter: „Wenn du Rennradreifen suchst, kann ich die Continental wärmstens empfehlen.“, garniert mit einem Spritzer kanadischer Freundlichkeit: „Wir war deine Radtour durch Italien?“. Kunde und Verkäufer waren sich im Klaren, dass es darum ging, etwas zu verkaufen, aber im besten Fall findet der Verkäufer die richtige Lösung bzw. das passende Produkt für den Kunden.

Vielen Deutschen wäre das zu aufdringlich: Beratung ist OK, aber nach dem Urlaub gefragt zu werden, geht dann doch zu weit. In Berlin begegnet einem diese spezielle deutsche Mentalität in verschiedensten Abstufungen – vor allem, wenn man sich abseits der typischen Touristenmagneten wie Friedrichstraße und Alexanderplatz bewegt. Hier kann es einem passieren, dass man von den Verkäufern komplett ignoriert wird (eine Taktik, mit der man in Kanada nichts verkaufen würde). Das darf man aber nicht missverstehen, die Verkäufer sind nicht absichtlich unfreundlich – Sie müssen signalisieren, dass Sie Beratung wünschen. Das nennt man hier „Berliner Schnauze“.

In Deutschland zu arbeiten, war eine angenehme Erfahrung, auch wenn ich mich ein wenig umstellen musste. Für mich waren es nie die großen Dinge, mit denen ich Probleme hatte (z. B. einen Job zu finden), sondern eher die kleinen Dinge, die mir zu schaffen machten (z. B. festzustellen, dass ein Zweit-Job mit 42 % besteuert wird, auch wenn es nur eine Teilzeittätigkeit ist). Dennoch kann ich jedem Kanadier oder Amerikaner nur empfehlen, in Deutschland zu arbeiten oder Geschäfte zu machen; Leute mit Pfadfinder-Mentalität, die sich auf ihren Aufenthalt vorbereiten, werden dann ganz schnell sagen „Icke bin Berliner“.

Über die Authorin

Charlotte Chase unterstützt  das Marketingteam bei text&form seit Dezember 2017. Die gebürtige Kanadierin liebt Eishockey und spielt auch ganz gern mit Sprache.

 

 

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